J.Seb.Bach:
Sonaten und Partiten für Violin Solo

in Ausbildung und in künstlerischer Zusammenarbeit mit der Wiener Musikwissenschaftlerin und Expertin für die Affekttheorie; Dr. Dagmar Glüxam


Jeder Geiger lernt und studiert während seines Studiums die sechs Sonaten für Violine solo, normalerweise begleitet uns diese Musik für den Rest unseres Lebens. Doch die Interpretation von Bachs Musik wird heute immer schwieriger, da uns die differenzierte Rezeption der Musik in der damaligen Zeit glücklicherweise immer mehr bewusst wird.

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Erschien im Januar 2022 bei ARS

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Welchen Effekt hat der Affekt?

Wir sind heute so daran gewöhnt, manche Werke Bach in einem meditativen Charakter gespielt zu hören, dass es zu einer "Tradition" wurde, z.B. das Adagio von BWV 1001, das erste Stück dieses Zyklus, sehr ruhig und gehalten zu interpretieren. Richten wir unsere Augen allerdings auf diese schnellen Töne, diese Modulationen und starken Dissonanzen auf schwere Taktzeiten....
Sei Solo - Sei Alleine, könnte auch bedeuten, dass er mit diesen Werken den Verlust seiner geliebten Frau Barbara Bach verarbeitete. Stellen Sie sich vor, dieses Adagio von einer Orgel gespielt zu hören, Bachs Lieblingsinstrument. Klangewaltig und voller Dissonanzen. Die Affekte, welche Bach hier verwenden zeichnen ein nervöses, schmerzvolles, seufzendes, aufgeregtes Klangbild.

"Aus der Seele muss man spielen"

Eine digitale Lernplattform zur Affektlehre

Die Wiener Musikwissenschaftlerin Univ.-Doz. Mag. Dr. Dagmar Glüxam und der Wiener Geiger Daniel Auner, M.A. präsentieren im Rahmen der kommenden CD-Veröffentlichung aller Sonaten und Partiten für Violine diese digitale Lernplattform. Sie soll Musikern und Interessenten anhand praktischer Beispiele erklären, was es mit der Vermittlung von Affekten und deren Wirkung auf die Interpretation auf sich hat.

Das ausführliche Einführungsvideo steht hier kostenlos zur Verfügung, ausführliche Lektionen folgen.

Es passiert eher selten, dass Musiker sich auf eine Zusammenarbeit mit Musikwissenschaftlern einlassen. Wie jedoch meine mehrjährige enge Kooperation mit der österreichischen Musikhistorikerin Dagmar zeigt, kann es sich dabei um eine überaus spannende und gewinnbringende Zusammenarbeit handeln. So beschäftigte sich die Musikhistorikerin eingehend mit dem bisher eher vernachlässigten Thema der barocken Affekttheorie, während meine Aufgabe bei diesem Projekt war, ihr theoretisches Wissen sozusagen in klingende Kunst umzuwandeln.

Nun, worum geht es hier eigentlich? „Aus der Seele muß man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel“, schrieb der deutsche Komponist Carl Philipp Emanuel Bach in seiner Klavierschule (1753), wobei er damit – keineswegs zufällig – exakt den Nerv des Musikdenkens seiner Zeit traf, einer Zeit, die noch nicht vordergründig durch spieltechnische Virtuosität, sondern durch den Ausdruck menschlicher Emotionen („Affekte“) geprägt war. Der „Affekt“ bestimmte dabei nicht nur die gesamte Komposition, sondern auch den Vortrag: Ähnlich wie der Komponist in jedem(!) Musikstück diverse Affekte musikalisch nachahmen sollte, lag die Aufgabe des Interpreten darin, diese zu erkennen und genau im Sinne des Komponisten an den Zuhörer weiterzugeben und emotionell zu berühren. Oder, mit Michael Praetorius (1619) gesprochen, durch die Musik solle „das Hertz der Zuhörer gerühret / und die affectus beweget werden.“

Das Wissen um die barocke Affekttheorie, die korrekte Interpretation der vielen Elemente musikalischer Rhetorik, lässt auch die Bach‘schen Sei Solo nicht mehr bloß als herausfordernde Violin-Literatur, sondern vielmehr als ein faszinierendes Abbild der menschlichen Seele erscheinen, in dem es tatsächlich auf den Ausdruck einer jeden Note ankommt. Saltus, Gradus, Exclamatio, Suspiro und die viele weiteren bis dato Geheimnisse der Affektlehre wurden in dieser Einspielung zum ersten Mal überhaupt angewandt. Die gesamten Sei Solo, das Ergebnis fast vierjähriger intensiver Auseinandersetzung mit dem Werk, wurden als Forschungsprojekt der Universität Mozarteum Salzburg auf eine CD aufgenommen und 2022 bei der Ars Produktion veröffentlicht. Eingespielt habe ich sie auf einer Violine von Giovanni Battista Guadagnini aus der Sammlung wertvoller Streichinstrumente der Österreichischen Nationalbank – bespannt mit besonderen Barock-Saiten der Wiener Saitenfirma Thomastik-Infeld.