Projekt
Ludwig van Beethoven: Die Geheimnisse in seinem Violinkonzert op. 61
Die alternative Solostimme aus der Handschrift des Komponisten.
Das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven op. 61 ist heute eines der meistgespielten Werke für Violine und Orchester, und es war das erste Stück, das ich zu Beginn meines Masterstudiums am Mozarteum Salzburg bei Prof. Igor Ozim studiert hatte. Prof. Ozim schaffte es irgendwie, eine Kopie des Manuskripts zu bekommen und brachte dieses einmal in eine Unterrichtsstunde.
Wie ich herausfand, war in den sechziger Jahren ein Faksimile-Druck erschienen, der sehr detailliert alle Eintragungen des Komponisten reproduziert. Als ich dann mein erstes — und bei weitem nicht letztes — Engagement erhielt, dieses Konzert mit Sinfonieorchester in Albanien mit dem dortigen Radio Philharmonic Orchestra aufzuführen, begann ich, die üblicherweise in Verwendung stehende Urtextausgabe akribisch mit dem Manuskript zu vergleichen.
Leider machen auch Urtext-Editionen viele Fehler. Wenn Sie zum Beispiel von den Mozart-Sonaten und -Konzerten die gängigen Ausgaben bis hin zur Handschrift und dem Erstdruck rückverfolgen, würden Sie von der Genauigkeit sehr schnell enttäuscht sein. Die Herausgeber fügen Dynamiken an Stellen hinzu, an denen sie es für sinnvoll hielten, kennzeichnen jedoch nicht, dass es sich hier nicht um Angaben des Komponisten handelt. Auch Vorschläge werden verändert. Ich hatte das bereits bei der Aufnahme meiner CD Dialog mit Mozart untersucht — und zuletzt ebenso bei den Klaviertrios.
Aber verglichen mit dem, was ich im Beethoven-Konzert fand, waren die „Urtext“-Fehler in Mozarts Werken ziemlich unbedeutend. Obwohl in keiner Ausgabe erwähnt, stellte sich heraus, dass Beethoven an vielen Stellen — insbesondere im ersten und zweiten Satz seines Konzerts — eine zusätzliche Ossia-Geigenstimme schrieb. Wenn Beethoven etwas von ihm Geschriebenes nicht verwenden wollte, wenn er zum Beispiel eine Melodie begann und beschloss, sie anders zu schreiben, strich er sie durch. Mit viel Leidenschaft. Aber in diesem Konzert ließ er sehr oft am Ende zwei Möglichkeiten.
Nicht immer bietet diese andere Version neues musikalisches Material — meistens zeigt sie unterschiedliche Möglichkeiten für das gleiche Material. Wenn man ein sich wiederholendes Arpeggio in A-Dur als Triole oder in vier geteilt spielt, macht das keinen musikalischen Unterschied. Ich vermute also, dass Beethoven — der dieses Violinkonzert für Franz Clement schrieb, Konzertmeister und Orchesterleiter am Theater an der Wien — gemeinsam mit dem Solisten ausgewählt hat, welche Fassung in den Erstdruck kommen soll. Viele Passagen wären auch zu hoch, zu schwer gewesen.
Auf der anderen Seite bieten manche Alternativen tatsächlich neues musikalisches Material — wie zum Beispiel der Beginn der Durchführung des ersten Satzes, wo an einem der transparentesten und magischsten Momente der klassischen Musik eine andere Tonleiter folgt, viel verspielter und neugieriger, mit angespannteren harmonischen Kombinationen. Anders als wir es gewohnt sind; eine andere Atmosphäre entsteht.

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